Conergy in der Krise

Am 12. November gab die Conergy AG die vorläufigen Zahlen zum dritten Quartal 2007 bekannt. In den ersten neun Monaten des Jahres konnte das Unternehmen den Umsatz um 67% auf 641 Mio. € steigern. Die Auslandsumsätze haben sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar verdreifacht und erreichten 373 Mio. €.

Doch die negative Entwicklung im dritten Quartal drehte das Ergebnis ins Minus. Der Umsatz stieg in den Monaten Juli bis September zwar auf 223 Mio. €, blieb aber um 130 Mio. € hinter den Erwartungen zurück. Dies führte zu einem negativen Konzernergebnis im dritten Quartal in Höhe von –10 Mio. €.

Der Aktienkurs war bereits am 26. Oktober um rund 30% auf 35 € abgestürzt und bröckelte anschließend bis auf 27 € ab. Inzwischen hat er sich wieder etwas erholt und liegt nun bei 30 €. Seit Anfang Oktober hat die Aktie weit über die Hälfte an Wert verloren. Damals hatte sie mit 68,72 € den höchsten Stand seit dem Börsengang im März 2005 erreicht.

Angesichts der Erfolgsgeschichte des noch jungen Unternehmens überraschte dieser steile Absturz viele Beobachter. Die Conergy AG war in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen und ist nun weltweit in allen Sektoren der erneuerbaren Energien aktiv. Doch die Sturm- und Drangperiode ist bis auf weiteres zu Ende. Ein Liquiditätsengpass konnte Anfang November nur durch das private Engagement einiger Altaktionäre und eine neue Kreditlinie vorläufig beseitigt werden. Als intern die Neun-Monats-Zahlen auf den Tisch kamen, zog der Aufsichtsrat die Notbremse: Unternehmensgründer und Vorstandsvorsitzender Hans-Martin Rüter musste gehen. Aufsichtsratsvorsitzender Dieter Ammer führt jetzt das Unternehmen kommissarisch, ein Nachfolger für Rüter war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt. Gleichzeitig stieg der als Sanierer bekannt gewordene Industrielle Otto Happel ins Unternehmen ein.

Augenfällig wurde die Krise des Konzerns erstmalig Anfang Oktober. Finanzvorstand Heiko Piossek wurde durch Jörg Spiekerkötter ersetzt. So kurz vor der Veröffentlichung des dritten Quartalsberichtes sei das ein ungewöhnlicher Schritt, argwöhnte die Finanzwelt. Die Stimmen, die vor einer Revision der Unternehmensziele für 2007 warnten, nahmen zu.

Die Skeptiker sollten Recht behalten: Ende Oktober erfolgte eine Gewinnwarnung. Die Umsatzerwartung reduzierte Conergy von 1,25 auf nunmehr 1 Mrd. €. Außerdem sei statt eines Gewinns (angekündigt waren 60 Mio. €) ein Verlust zu erwarten. Als wesentlichen Grund für diese Entwicklung nannte Conergy »Lieferverzögerungen bei Modulen«, ohne jedoch Ross und Reiter zu nennen. Brancheninsider mutmaßten, dass es sich um Fernost-Module der Firma Motech handeln könnte. Conergy hatte mit dem amerikanischen Unternehmen MEMC eine sehr weit reichende Liefervereinbarung über Wafer im Wert von 8 Mrd. $ abgeschlossen – ein für das taiwanesische Unternehmen Motech unfreundlicher Akt, nachdem die Verhandlungen der Taiwanesen mit MEMC im vergangenen Jahr gescheitert waren und MEMC Gespräche mit dem Wettbewerb aufgenommen hatte.

Wie auch immer: Die Hamburger sehen sich jedenfalls nicht in der Lage, die ausstehenden Modullieferungen für das laufende Quartal zu garantieren. Die »termingerechte Lieferung wesentlicher Mengen« an Modulen sei nicht gesichert, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens.

Die Lieferung von Wafern durch MEMC wirft ein Licht auf die kürzlich errichtete Solarfabrik in Frankfurt/Oder. Offenbar gibt es Schwierigkeiten mit dem Nachschub für die eigene Waferfertigung. Dafür spräche auch der Abgang des Technikvorstandes Edmund Stassen nur wenige Tage nach Piosseks Demission.

Für viele Beobachter vor allem aus dem Bank- und Finanzwesen sind das alles Symptome des gleichen Sachverhalts: Zu schnelles Wachstum auf zu vielen Geschäftsfeldern. Conergy ist mittlerweile in allen Sektoren der erneuerbaren Energien aktiv und hat seit 2005 seine Belegschaft jedes Jahr verdoppelt. Inzwischen sind 2.700 Mitarbeiter bei Conergy beschäftigt. Dazu kamen Firmenübernahmen in aller Herren Länder. Die gewaltigen Kosten für die Integration neuer Mitarbeiter und Unternehmen in den Konzern dürfte zumindest eine der Ursachen für die bestehende Finanzkrise sein.

Unter Analysten herrscht die Meinung vor, dass die finanziellen Engpässe des Unternehmens mit der Kapitalerhöhung von 70 Mio. € – allein 50 Mio. € kamen von den Industriellen und Sanierungsexperten Otto Happel – und dem Bankenkredit von 30 Mio. € nicht beseitigt seien. Zumal der Bankenkredit Ende Februar 2008 ausläuft und weitere Abschreibungen im Zuge von Wertkorrekturen erwartet werden. Dieter Ammer kündigte eine »kritische Würdigung der bilanziellen Wertansätze« der Conergy AG an und lässt nun die einzelnen Geschäftsfelder untersuchen.